
Buchbesprechungen
SUPPORTING ELVIS CHILDREN - Stepping Out of a Deceased Sibling's Shadow
von Ard Nieuwenbroek, Judith Kimenai & Tanya Defferary
Ich habe SUPPORTING ELVIS CHILDREN - Stepping Out of a Deceased Sibling's Shadow von Ard Nieuwenbroek, Judith Kimenai & Tanya Defferary sehr bewegt gelesen. Ich fühlte mich beim Lesen sehr gesehen und verstanden in meiner Situation als Ersatzkind. Und ich denke es ist ein Buch für Betroffene UND Therapeuten.
Sehr berührt hat mich das Thema "Gefrorene Trauer": Mir ist beim Lesen bewusst geworden, dass sich meine schwer traumatisierte Mutter nach dem Verlust ihres kleinen Jungens gar keine Beziehung zu mir erlauben konnte. Einen weiteren Verlust hätte sie nicht verkraftet.
Sehr gut finde ich, dass die AutorInnen die gesamte Familie in ihren Erörterungen miteinbeziehen.
Die AutorInnen schreiben, den gleichen Namen wie das verstorbene Geschwisterkind zu haben, sei eine emotionale Bürde. Ich empfinde die Verwirrung als noch intensiver, wenn der Name des gegengeschlechtlichen Geschwisters zu dem passenden Namen für das Ersatzkind umgewandelt wurde. In meinem Fall wurde aus Johann Johanna.
Des Weiteren schreiben sie, Scheidung könne eine Folge beim Verlust eines Kindes sein. Je nachdem, wie ein Kind verstorben ist, denke ich, können auch unausgesprochene Vorwürfe und Schuldzuweisungen eine Rolle spielen.
Es freut und bewegt mich sehr, dass die Thematik des Ersatzkindes mit all ihren schwerwiegenden Konsequenzen so deutlich erörtert wird. Supporting Elvis Children ist ein kluges und warmherziges Buch, voller Respekt für alle Betroffenen. Und es zeugt von großem Mut: Ich habe oft erlebt, dass nicht nur Betroffene, sondern auch Therapeuten und Seelsorger vor dem Thema des Ersatzkindes zurückschrecken. Aus welchen Gründen, vermag ich nicht zu beurteilen.
Ich wünschte mir, ich hätte vieles von dem viel früher gewusst. Mit dem jetzigen Wissen würde ich zusammen mit meiner Mutter zu einer Therapie, zu einer Trauerbegleitung gehen. Mir zusammen mit ihr unseren Schmerz anschauen und durchleben.Damit die damals unmögliche Liebe füreinander spürbar und lebbar wird.
Supporting Elvis Children ist ein großes Geschenk für Ersatzkinder, hin zu der Möglichkeit, Schöpferin und Schöpfer des ureigenen Lebens zu werden.
Johanna Glaser, April 2026
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Federn haben eine starke Mitte. Aus dem Leben eines Ersatzkindes
von Johanna Glaser
Sehr viele Menschen würden – so glaube ich – der Aussage zustimmen, dass ein Kind, das einem gestorbenen Geschwisterkind nachgeboren wird, als ein besonders geliebtes Kind auf die Welt kommt. Denn mit der neuen Geburt wird der frühzeitige Tod des älteren Geschwisterkindes „wiedergutgemacht“, so die landläufige Meinung. Aber stimmt das wirklich?
Nein, es stimmt nicht. Wird das Kind als Ersatzkind geboren, also bewusst oder unbewusst nur deshalb gezeugt, um ein anderes Kind zu ersetzen, und haben die Mutter/Eltern das Trauma, das der Tod des verlorenen Kindes ausgelöst hat, für sich nicht ausreichend bearbeitet, dann wird das Leben für das Ersatzkind sehr schwierig. Das weiß ich genau. Denn ich bin selbst so ein Ersatzkind.
Wie sieht nun konkret das Leben eines Ersatzkindes aus? Das beschreibt Johanna Glaser in ihrem Buch „Federn haben eine starke Mitte.“ Die Autorin wird 1964 – drei Jahre nach dem schrecklichen Unfalltod ihres älteren Bruders Johann, der vor den Augen der Mutter von einem Motorrad überfahren wurde, – geboren. Ihre Mutter stellt fest: „Ich hatte vier Kinder und ich wollte auch wieder vier.“ Doch eigentlich ist ihre Mutter emotional gar nicht in der Lage für ein neues Kind. Seit dem Tod des kleinen Johann ist sie erstarrt in ihrem Schmerz und auch Johannas drei ältere Geschwister, die den Tod des Bruders miterleben mussten, habe keine zugewandte Mutter mehr. In der Familie herrscht Sprachlosigkeit – bis heute.
Johanna Glaser, eine hübsche und intelligente junge Frau, findet ihren Platz im Leben nicht. Viele Jahre denkt sie, sie sei unfähig, faul, dumm und undiszipliniert. Egal, was sie tut, ihre Mutter findet es nicht gut. Beziehungen zu Männern sind schwierig, denn sie kann sich nicht vorstellen, dass es jemanden geben könnte, der sie einfach ihretwegen liebt. Und auch Frauenfreundschaften funktionieren nicht gut, weil sie immer wieder an Frauen gerät, die sie abwerten – genau wie ihre Mutter das tut.
Erst mit 46 Jahren versteht Johanna Glaser endlich, was ihr Leben so schwierig macht. Sie schreibt einen imaginären Brief an ihre Mutter und wenig später kommt ihr das Wort Stellvertreterkind in den Sinn. Sie googelt es, findet dazu nichts, dann versucht sie es mit Ersatzkind und wird fündig. Sie trifft auf Kristina Schellinski, die ihr dabei hilft, zu verstehen, was sie am Leben hindert, und ihrem wirklichen Selbst näher zu kommen. Sie erkennt nun die Zusammenhänge und kann auch ihren Eltern vergeben, weil sie nachvollziehen kann, dass das Leben ihren Eltern viel zugemutet und wenig Unterstützung gegeben hat.
Obwohl mein Leben äußerlich völlig anders verlaufen ist als das von Johanna Glaser, finde ich mich in vielem, was sie schreibt, sofort wieder. Die Ambivalenz anderen Menschen gegenüber, das Schwanken zwischen Stärke und Schwäche. Das nicht glauben können, dass ich gemeint bin – das alles kenne ich zu Genüge. Und auch ich habe Jahrzehnte gebraucht, bis ich verstanden habe, warum ich so bin, wie ich bin und bis ich mich auf den Weg zu meinen wirklichen Selbst machen konnte.
So ist das Buch von Johanna Glaser – meines Wissens das erste, das von einer Betroffenen selbst geschrieben wurde – wie eine Blaupause für alle, die ähnliches erlebt haben. Im Äußeren mag es große Unterschiede geben, im inneren Empfinden meines Erachtens nicht. „Federn habe eine starke Mitte“ ist also als Pionierleistung, ein sehr wichtiges Buch, dem ich eine große Leserschaft wünsche.
Susanne Schlösser, April 2026
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