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Hier veröffentlichen wir Originaltexte zum Thema
"Le Revenant - Er, der wiederkam"
Gedicht von Victor Hugo, übersetzt von Kristina Schellinski
Oh, Mütter, die ihr trauert,
Eure Rufe, dort oben werden sie erhört.
Gott, der alle entflogenen Vögel in seiner Hand hält,
sendet manch ein Mal die gleiche Taube zurück in’s gleiche Nest.
Oh Mütter, die Wiege liegt nicht weit vom Grab.
Der Tod kam und stahl ihn wie ein Dieb.
Die Mutter, der Vater, die Trauer,
der schwarze Sarg, mit dem Kopf gegen die Wand,
die Seufzer aus den tiefsten Tiefen.
Wo Schrei sich Bahn bricht, hört die Sprache auf.
Gebrochenen Herzens harrt die Mutter
drei Monat lang im Dunkel dieses Schattens.
Kaum vernahm man, was sie erbat: „gib’ ihn mir wieder!“
Der Arzt er riet dem Vater:
Das tote Kind braucht einen Bruder.
Und mit der Zeit ward wieder Mutter sie
als plötzlich, bleich erschrocken, sie gewahr:
„Oh, nein, nicht das, Du wirst es neiden, Du süsses Kind,
das Du gefroren im Grabe schläfst, Du würdest glauben,
die vergessen mich, dass jemand Deinen Platz Dir nimmt.“
Es kam der Tag und sie gebar. Freudig rief der Vater:
„ein Junge ist es!“
Doch nur der Vater war voll Freude.
Die Mutter bitter, in den Klauen der Trauer,
dem Andenken des Anderen verschrieben,
murmelt sie vor sich hin:
„Mein Engel, der allein im Grab Du schläfst“,
bis sie vernimmt die Stimme, ah so nah,
die spricht aus neugeborenem Munde, hier in ihrem Arm:
„Ich bin’s – doch sag’ es keinem!“
Der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) musste den Tod von vier seiner fünf Kinder miterleben, die teilweise im Kleinkindalter, teilweise als junge Erwachsene gestorben sind. In seinem Gedicht „Le Revenant“ beschäftigt er sich mit den Hoffnungen von Eltern, die ein Kind verloren haben, bezüglich der Geburt eines weiteren Kindes.
Der Brief eines Vaters
„[Der] außergewöhnlich starke Umfang [meiner Frau] hat schon vor Wochen den Arzt zu der Vermutung veranlaßt, wir könnten Zwillinge bekommen. Diese Auffassung wird allerdings von anderen „Sachkennern“ abgelehnt. […] Die Möglichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, daß da ein dicker Bub heranwächst. Ist dem so, dann wird mit seiner Geburt eine Enttäuschung verbunden sein: wir, [meine Frau] noch fester als ich, hatten auf ein Mädchen als Ersatz [!] für Friederike gehofft. […] Es fehlt mir, und wie mir scheint auch [meiner Frau] noch die rechte Beziehung zu unserem neuen Kinde. Gerade in diesen Tagen macht sich das bemerkbar, wo die Erinnerung an Friederikes Tod vor einem Jahre sich allenthalben aufdrängt. Aber es gibt ja wohl auch ein Recht der Lebenden […] so bewußt wie dieses dritte Kind ist keines der beiden anderen gerufen worden.“
Dieser Brief wurde 1956 geschrieben - drei Wochen vor der Geburt eines Zwillingspärchens (also Mädchen und Junge), die als "Ersatz" für die im Jahr zuvor gestorbene Tochter gezeugt wurden. Für den dann geborenen Jungen hatten sich die Eltern vor der Geburt keinen Vornamen überlegt.