
Informationen
über die Ersatzkind-Thematik
Wissenschaftliches | Erforschtes
Erforschungsgeschichte
Es gibt vergleichsweise wenig Forschung zu diesem Thema, wenn man bedenkt, wie viele Menschen weltweit vermutlich Ersatzkinder sind. Erste Studien dazu gab es nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA über die Folgen des Holocaust.
Dabei ging es vorwiegend um die „Schuld des Überlebens“, die bei Menschen, die ein Konzentrationslager überlebt hatten, festgestellt wurde, aber auch bei deren nachgeborenen Kindern, die teilweise zahlreiche Familienmitglieder ersetzen sollten, die ermordet worden waren.
(Vgl. Hanna Papanek / Gabriele Rühl-Nawabi (Hgg.), Ernst Papanek - Pädagogische und therapeutische Arbeit: Kinder mit Verfolgungs-, Flucht- und Exilerfahrungen während der NS-Zeit. Wien, 2015.)
Oft erhielten sie auch die Namen der Verstorbenen.
(Vgl. Henry Abramovitch, Naming Traditions and Replacement Phenomena among Jews in Israel, 2020 http://replacementchildforum.com/wp-content/uploads/2020/11/Replacement-Names.pdf)
Eine wegweisende Veröffentlichung zu dem Thema des Ersatzkindes ist auch der Beitrag von Albert C. und Barbara S. Cain aus dem Jahr 1964.
(Albert. C. und Barbara S. Cain, On Replacing a Child. In: Journal of American Academy of Child Psychiatry 3 (1964), S. 443-456.)
Inzwischen haben sich immer wieder einzelne Autoren in unterschiedlichen Ländern dieses Themas angenommen. Das zeigt, dass Ersatzkinder überall zu finden sind.
In Frankreich forschte vor allem der Psychiater Maurice Porot dazu und veröffentlichte 1994 das Buch "L'enfant de remplacement", das 2014 wiederaufgelegt wurde.
(Maurice Porot, L'enfant de remplacement, Editions Frison-Roche, 1994/2014.)
In den Niederlanden werden Ersatzkinder "Elvis Kinder" genannt, weil auch der berühmte Elvis Presley ein Ersatzkind gewesen ist. Dort ist es vor allem Ard Nieuwenbroek, der dazu praktisch und theoretisch arbeitet. Sein neustes Buch zu diesem Thema ist im Februar 2026 erschienen.
(Ard Nieuwenbroek/Judith Kimenai/Tanya Defferary, Supporting Elvis Children: Stepping Out of a Deceased Sibling’s Shadow. Acco NL, 2026.)
Im deutschsprachigen Raum ist es aktuell die Psychologin Kristina Schellinski, die sich dieses Themas besonders annimmt und mit Betroffenen arbeitet. Neben der Überlebensschuld stellt sie in diesem Zusammenhang fest, dass es auch die schuldbesetzte unaussprechbare Wut des Ersatzkindes gibt, das „andauernd mit dem unbesiegbaren toten Kind verglichen wird.“ Und wenn das Ersatzkind sich nicht frei fühlt, das eigene Leben zu leben, „dann bleibt es sich selbst gegenüber seine Selbst-Verwirklichung schuldig.“
(Kristina Schellinski, Individuation for Adult Replacement Children: Ways of Coming into Being. Abingdon, Oxon, 2020.
Kristina Schellinski, Das Leben nach dem Tod: Die Problematik des Ersatzkindes zwischen Wiederauferstehung und Selbst-Geburt. Vortrag, Freiburger Forum, 7.5.2007)