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Auf dieser Seite veröffentlichen wir Texte zum Thema Ersatzkind, die an Biografien betroffener Menschen orientiert sind.
Der Erlkönig und ich
„… in seinen Armen das Kind war tot“. Schon als vielleicht Vier- oder Fünfjährige habe ich gebannt darauf gewartet, dass Dietrich Fischer-Dieskau diese Worte singt. Immer wieder wollte ich den „Erlkönig“ hören, die kleine Singleplatte aus den späten 1950er Jahre, die ich heute noch besitze, auch wenn ich sie längst nicht mehr abspielen kann. Begleitet wird Fischer-Dieskau bei dieser Aufnahme von dem Pianisten Gerald Moore. Der englische Tenor Ian Bostridge nennt sie die „furchteinflößendste“ Einspielung, die er von diesem Werk kenne. Das berühmte Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) wurde von Franz Schubert (1797-1828) vertont. Sowohl Goethe wie Schubert waren in ihrer Kindheit mit toten Geschwistern konfrontiert. Goethe war der älteste Bruder von sieben Geschwistern, außer ihm erreichte nur eine Schwester das Erwachsenenalter, er erlebte also den Tod von fünf Geschwistern mit. Schubert war das dreizehnte von zwanzig Kindern, bis er geboren wurde, waren schon fünf seiner Geschwister im Kleinkindalter gestorben. Ein Jahr nach seiner Geburt starb der nächstälteste Bruder.
Was faszinierte mich als kleines Kind an diesen Worten, die beim Zuhören keinerlei Schrecken für mich bargen? Vielleicht das Wissen, dass mein Zwillingsbruder und ich dem Tod unserer Schwester unser Leben zu verdanken haben. Wollte ich deshalb immer wieder hören: „in seinen Armen das Kind war tot“? War das die unbewusste Vergewisserung meiner Existenz, die ja auf dem Tod dieses anderen Kindes beruhte? Heute – über 60 Jahre später – glaube ich, dass dem so war. Dabei hatte ich keine klare Vorstellung vom Tod. Ich wusste nur, dass er bedeutet, dass man nicht mehr auf der Erde ist. Meine Schwester kannte ich nur von Fotos. Relativ lange habe ich geglaubt, sie sei gestorben, weil sie aus dem Fenster gefallen sei. Denn wir – meine beiden Brüder und ich – wurden immer ermahnt, uns nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Denn wenn wir vom zweiten Stock, in dem wir wohnten, aus dem Fenster fallen würden, wären wir tot. Deshalb dachte ich, dass aus dem Fenster fallen die einzig mögliche Todesursache sei. Ab wann mir klar geworden ist, dass meine Schwester an einer Hirnhautentzündung gestorben war, erinnere ich nicht. Irgendwann wusste ich das. Und sehr bald schien diese Schwester in meinem Leben auch keine Rolle mehr zu spielen. Ich vergaß sie viele Jahre lang einfach. Aber der Tod blieb etwas, womit ich mich immer sehr beschäftigt habe, schon mein ganzes Leben lang. (Link zu dem Lied unter Medien)
Ein bedeutungsvoller Traum
Ich stehe allein in einem Zimmer des Hauses, in dem ich geboren wurde, und schaue aus dem Fenster über den Hof. Die Tür des Nachbarhauses ist geöffnet, ich kann bis ins Wohnzimmer hineinblicken. Drüben herrscht ein reges Kommen und Gehen. Am Wohnzimmertisch sitzt Frau F. und begrüßt und bewirtet die Gäste, als ob sie die Hausherrin wäre. Einsamkeit hält mein Herz gefangen: Dort drüben – das ist mein Elternhaus, es ist der erste Todestag meiner Mutter und deshalb sind die Gäste, darunter auch Freunde von mir, gekommen. Doch werde ich von keinem eines Blickes gewürdigt, alle wenden sich Frau F. zu, die wie selbstverständlich die Stelle der Hauptleidtragenden einnimmt, während die eigentliche Tochter in der Wohnung gegenüber auf dem einsamen Beobachtungsposten verharrt. Denn von dort führt kein Weg über den Hof zu den anderen.
Verstört schrecke ich aus diesem Traum auf – es ist eine laue Sommernacht, doch mich fröstelt. Noch einige Minuten halte ich das bedrückende Traumbild für Realität. Tatsächlich steht der erste Todestag der Mutter kurz bevor, tatsächlich habe ich Angst davor, dass Frau F. versuchen wird, mir zu diktieren, was an diesem Tag zu geschehen hat. Frau F., die langjährige Putzhilfe und Pflegerin meiner Mutter, die alles daransetzt, als Familienmitglied zu gelten, um eine privilegierte Lebenssituation aufrechterhalten zu können, die meine Mutter ihr eingeräumt hat. Sie bekräftigt immer wieder: „meine Mama ist letztes Jahr gestorben“, obwohl ihre eigene Mutter noch lebt, und sie erhebt – schlimmer noch – den Anspruch, meine Schwester zu sein. Das Verhalten von Frau F. beschleunigt meine Lebenskrise – je öfter sie postuliert, dass wir wie Schwestern seien, desto deutlicher wird mir die existenzielle Bedrohung, die für mich davon ausgeht. Frau F. erscheint mir wie ein Dämon, der sich in meinem Leben breit macht und den ich bekämpfen muss, wenn ich überleben will. Denn meine Schwester ist tot und nur weil sie tot ist, bin ich am Leben, das hat unsere Mutter oft genug betont. Wenn jetzt plötzlich jemand behauptet meine Schwester zu sein, bedroht er mein Leben. Denn beide Schwestern gleichzeitig kann es nicht geben. Leider gelingt es mir nicht, Frau F. diesen komplexen Zusammenhang verständlich zu machen. Aber ich schaffe es, die für mich notwendigen Grenzen ihr gegenüber zu setzen.
Seit meine Mutter tot ist, hadere ich mit der Verstorbenen. Auch zu ihren Lebzeiten gab oft genug Streit zwischen uns – eine schwierige Beziehung vom ersten Lebenstag an. Denn meine, ein Jahr vor meiner Geburt gestorbene Schwester, hat über ein halbes Jahrhundert lang immer zwischen uns gestanden – als unerreichbares Ideal, dessen unvollkommener Ersatz ich gewesen bin. Gleichzeitig wurde viel von mir erwartet, vor allem, dafür zu sorgen, dass es meiner Mutter gut geht.
In der Zeit, in der ich den oben geschilderten Traum hatte, bin ich auch auf folgendes Gedicht gestoßen:
Ach! Schwester, sei, was nimmer ich kann werden,
Der Eltern Hilfe und ihr Stab auf Erden!
Ich fühl es schmerzlich, mich umgibt die Nacht;
Du sollst es sein, durch die der Tag erwacht.
Die Schweizer Dichterin Luise Egloff (1804-1835) bezieht diese Worte zwar auf ihre Blindheit – kurz nach ihrer Geburt hat sie ihr Augenlicht verloren. Ich aber interpretiere es als Vermächtnis meiner toten Schwester an mich. In ihrem Auftrag so gut, wie es mir möglich war, dafür gesorgt zu haben, dass es meinen Eltern gut ging, versöhnt mich mit dieser mir zugewiesenen undankbaren Rolle, mit der ich zeitweilig sehr gehadert habe.
"Nicht mehr hier, aber da ..."
Als ich das Lied "Christine" 2024 zum ersten Mal gehört habe, musste ich sehr weinen. Auch wenn das, was Bodo Wartke darin beschreibt, nicht ganz genau dem entspricht, was ich erlebt habe, so habe ich mich doch in vielem sofort wiedergefunden. Zum Beispiel darin, dass ich auch jahrzehntelang auf die Frage, ob ich Geschwister habe, nur meine beiden Brüder genannt und nicht einmal an meine verstorbene Schwester Friederike gedacht habe. Gleichzeitig ließ mich dieser Text auch an meinem älteren Bruder denken, der als Zweijähriger Friederikes Tod miterlebt hat, sich aber nicht wirklich an sie erinnern kann. So wissen wir Geschwister zwar alle, dass es diese Schwester gab, aber wir kennen sie alle nicht und das ist sehr traurig. Und es hat für mich lange gebraucht, um sagen zu können: „Ich hab eine Schwester, die ist zwar nicht mehr hier, aber da“ – das finde ich sehr wichtig.
Ostern, das Fest der Auferstehung, die Rückkehr ins Leben
Ich bin ein Ersatzkind und habe viel innere Arbeit geleistet.
„Ich habe dich noch nie gesehen, oben bei den Lebewesen. Hier bist du nie gewesen, nur gelesen habe ich von dir… Entschuldigung, du weißt, ich muss jetzt gehen, ich kann nur eine Viertelstunde im Schlund überstehen…“ (Zitat aus ICH TAUCHE AUF von Tocotronic)
Diese Worte berühren mich tief. Triff die tote Schwester, den toten Bruder, steige hinab ins Reich des Todes. Steige hinab, aber bleibe nicht dort. Nur eine Viertelstunde, dann kehre zurück ins Leben aus dem Schlund, aus dem Reich der Toten. In den letzten Jahren habe ich meinen toten Bruder Johann "getroffen", aber er ist nicht mehr unter den Lebenden, und ich kann und will nicht länger bei den Toten bleiben. Die Toten lieben nicht, die Toten pflücken keine Blumen. Ich will mich von ihm verabschieden, ich will mein Leben leben! Die Begegnung mit dem toten Geschwisterkind kann nur eins bedeuten: Lebe dein Leben!
Ein Kind stirbt , zwei werden geboren - wer ist das Ersatzkind?
„Schau her, da hast Du sie wieder, Deine Friederike“, sagte meine Großtante und hielt mich, die ich gerade geboren war, meiner Mutter entgegen. Ihr erster Gedanke ist: „Die nicht!“ Sie erschrickt, verdrängt den Gedanken, vergisst ihn aber nicht. Denn dieses Kind war nicht ihre verlorene Tochter und konnte dieser nicht im Geringsten das Wasser reichen. So ihr Gefühl. Das erzählte sie mir gut 40 Jahre nach meiner Geburt, als ich sie erstmals darauf ansprach, dass ich glaube, dass Friederikes Tod und ihr Umgang damit mein Leben schwierig macht.
Doch damals im September 1956 hatte sie sowieso noch keine Zeit für mich. Ein zweites Kind steckte noch in ihrem Bauch, mein Zwillingsbruder, der noch drei Stunden benötigte, bis er mir auf diese Erde folgte. Im Geburtszimmer konnten sie mir erst einmal keine große Aufmerksamkeit schenken. Aber im Nebenzimmer waren ja noch andere: verschiedene Tanten und Muttis beste Freundin, die die Hausgeburt miterleben wollten. Haben sie mich in dieser Zeit angeschaut, sich an mir gefreut oder waren sie auch zu sehr damit beschäftigt, auf die zweite Geburt zu warten?
Wenn ich versuche, mich heute in die Situation meiner Geburt zurückzuversetzen, dann habe ich das starke Gefühl, dass mir in diesen ersten Stunden meines Lebens nicht viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde: Schnell und unkompliziert geboren, gesund und kräftig – da brauchte man nicht viel Aufhebens von mir zu machen angesichts dessen, dass die ältere Schwester vor einem Jahr und 21 Tagen an einer Hirnhautentzündung gestorben war, und der Zwillingsbruder viel zu lange brauchte, um ebenfalls das Licht der Welt zu erblicken, so dass man sich schon um seine Gesundheit bangte. Zum Glück kam er dann doch gesund auf die Welt.
Auch wenn die Mutter unsere Geburt in ihren Erzählungen immer glorifizierte als ein freudiges Ereignis, das Friederikes Tod wieder gut gemacht habe – in Wirklichkeit wurden ihre Erwartungen, die sie an diese Geburt geknüpft hatte, in keinem Punkt erfüllt, so meine Empfindung. Die stets sehr idealisierte Friederike wurde durch uns nicht wiedergeboren, wir aber immer an ihr gemessen, ohne sie je erreichen zu können. Ihre Trauer wurde durch unsere Geburt nicht gemildert und verfolgte sie den Rest ihres Lebens bis in ihre letzten Tage hinein. Mein Zwillingsbruder und ich waren eine große Enttäuschung für sie, das war immer zu spüren. Was fängt man nun also mit diesen Kindern an, die man so sehr herbeigesehnt hat, für die man die Strapazen einer Zwillingschwangerschaft auf sich genommen hat, und die jetzt nicht das sind und bewirken, was man sich heiß erhofft hatte?
Meine Mutter konnte in mir überhaupt keinen Ersatz für Friederike sehen und so wurde mein Bruder im Laufe der Zeit immer mehr das „eigentliche“ Ersatzkind, zumal uns in unserer Kindheit immer sehr deutlich gemacht wurde, dass mein Zwillingsbruder eigentlich ein Mädchen hätte sein sollen. Hin und wieder spielte unsere Mutter mit uns beiden auch Zwillingsmädchen: mein Bruder bekam Kleider von mir an und wurde Sabine genannt - so hätte die nicht geborene Schwester heißen sollen. Ich vermute heute allerdings, dass sie damit nicht die nicht geborene Sabine, sondern die gestorbene Friederike meinte. Denn ich erinnere mich auch an einen seltsam zärtlichen Gesichtsausdruck, denn sie uns sonst so nicht zeigte.
Ich bin mir sicher, dass es für meinen Zwillingsbruder dadurch noch viel schwieriger war als für mich, seinen Platz im Leben zu finden. Er war ein freundlicher, aber sehr introvertierter Mensch, der sich nur selten öffnete. Er ist im Dezember 2024 gestorben und hat mir zeitlebens ein Gespräch über die Tatsache, dass wir Ersatzkinder waren, verweigert, so gerne ich auch ein solches in den vergangenen 20 Jahren, seit ich mir selbst darüber klar geworden bin, mit ihm geführt hätte.
Doch was war ich für meine Mutter? Eine unerwartete Zugabe, die sich ihr Existenzrecht erarbeiten musste. So empfand ich das zumindest. Als ich nach ihrem Tod 2011 damit anfangen habe, den Schmerz und die Schwere zu ergründen, die die Basis meines Lebens darstellen, wurde es mir plötzlich schlagartig klar: Von meinem ersten Lebenstag an hat meine Mutter alles auf mich abgeladen, was für sie selbst zu schwer zu tragen war. Ich sehe mich mit meiner Mutter auf einer Wippe sitzen und die Mutter wirft mir ihre Päckchen zu, um es selbst leichter zu haben und ihre Höhenflüge unternehmen zu können, während die Tochter erdenschwer mit dem fremden Gepäck in der Grube sitzt. Als Erwachsene ist es mir manchmal gelungen, das eine oder andere Päckchen der Mutter zurückspielen und zumindest zeitweilig ein größeres Gleichgewicht zwischen uns herzustellen, doch dafür musste ich viel Kraft aufwenden, die mir dann für mein eigenes Leben fehlte.
Mir ist es zeit ihres Lebens nie gelungen, von dieser Wippe abzusteigen und meine Mutter mit ihren Päckchen allein zu lassen, obwohl ich mit 20 Jahren zu Hause ausgezogen bin und nie wieder am gleichen Ort wie meine Eltern gelebt habe. Ich war zwar beruflich erfolgreich, aber ich bin Tochter geblieben, keine Ehefrau geworden, auch keine Mutter und habe - solange meine Mutter lebte - nur auf eine recht distanzierte Weise manchmal längere oder kürzere Beziehungen mit Männern gehabt, die von einer großen Ambivalenz geprägt waren.
Für unseren Vater, so meine Wahrnehmung, war das Thema „Ersatzkind“ dagegen weitgehend vorbei, sobald wir auf der Welt waren. Er nahm uns als eigenständige Kinder wahr, die immer weniger mit Friederike zu tun hatten, je älter sie wurden.
Und noch für einen anderen wurden damals keine Ersatzkinder geboren, sondern „geliebte Geschwister“, wie er heute noch sagt: für unseren älteren Bruder, dessen bewusste Erinnerungen mit unserer Geburt beginnen. Er war und ist ein wundervoller, verständnisvoller älterer Bruder und unser Verhältnis zueinander war immer nah und vertrauensvoll.